Lenis Traumwelt
Leni und ihre Tierfreunde sitzen im Nachtwald bei einem müden Regenbogen, während der Traumstern sanft leuchtet.

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Leni und der müde Regenbogen im Nachtwald

Am Abend war es in Lenis Zimmer ganz ruhig.

Die kleine Lampe neben ihrem Bett leuchtete warm wie ein Honigtröpfchen. Draußen vor dem Fenster war der Himmel schon dunkelblau, und die ersten Sterne schauten neugierig herein. Leni lag in ihrem Bett, bis zur Nase unter der weichen Decke. In ihren Händen hielt sie ihren Traumstern.

Der Traumstern war heute besonders still.

Er funkelte nicht schnell und aufgeregt. Er funkelte langsam.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Leni blinzelte müde. „Brauchst du mich, kleiner Traumstern?“, flüsterte sie.

Da wurde der Stern in ihren Händen ein bisschen wärmer. Nicht heiß, nur warm und freundlich, so wie eine Tasse Milch, die Mama oder Papa vorsichtig hinstellt, damit man sich nicht verbrennt.

Plötzlich hörte Leni ein leises Kratzen am Fenster.

Krrr.

Dann ein sanftes Klopfen.

Tipp. Tipp. Tipp.

Leni setzte sich auf. Das Fenster öffnete sich einen winzigen Spalt, und eine lange, weiche Hasenohrenspitze schob sich herein.

„Leni?“, flüsterte Luna, der Hase. „Bist du noch wach?“

„Ein kleines bisschen“, sagte Leni.

Luna hüpfte auf das Fensterbrett. Sein Fell schimmerte hell und silbrig, als hätte der Mond ihn mit Sternenstaub gebürstet. Hinter Luna flatterte Pipo, der kleine Vogel, ganz vorsichtig herein. Seine Flügel machten nur ein leises Wusch, damit niemand im Haus aufwachte.

„Wir haben etwas gesehen“, piepste Pipo. „Etwas Buntes. Aber auch etwas Trauriges.“

Da kam Fina, der Fuchs, elegant durch den Fensterspalt. Ihr roter Schweif war buschig und weich. An der Spitze funkelten ein paar winzige Sternchen.

„Im Nachtwald“, sagte Fina leise, „liegt ein Regenbogen zwischen den Bäumen. Aber er ist ganz müde.“

Leni runzelte die Stirn. „Ein Regenbogen? Nachts?“

„Ja“, brummte eine tiefe, freundliche Stimme von draußen.

Bruno, der Bär, hob seinen großen Kopf zum Fenster hinauf. Er war zu groß, um einfach hineinzuklettern. Also winkte er mit seiner breiten Tatze und lächelte. Sein Fell sah weich aus wie ein brauner Kuschelteppich.

„Er hat fast keine Farben mehr“, sagte Bruno. „Nur ein kleines graues Schimmern.“

Leni sah auf ihren Traumstern. Er leuchtete sanft rosa, dann hellblau, dann goldgelb. Es sah aus, als würde er sagen: Wir können helfen.

Leni nickte. „Dann müssen wir ganz leise los.“

Der Traumstern schwebte aus ihren Händen. Er wurde größer und runder, bis er wie eine kleine, funkelnde Sternenschaukel vor dem Fenster hing. Leni stieg hinein. Luna hüpfte neben sie. Fina rollte ihren Schweif ordentlich um die Pfoten. Pipo setzte sich auf den oberen Sternenzacken. Bruno stieg vorsichtig ein, und die Sternenschaukel wackelte nur ein bisschen, denn der Traumstern war stark und freundlich.

„Alle bereit?“, fragte Leni.

„Bereit“, flüsterte Luna.

„Bereit“, piepste Pipo.

„Bereit“, sagte Fina.

„Bereit“, brummte Bruno.

Da glitt der Traumstern hinaus in die Nacht.

Er flog nicht schnell. Er schwebte langsam über die Dächer, über schlafende Gärten und über kleine Straßen, auf denen die Laternen wie müde Glühwürmchen leuchteten. Der Wind war weich. Er roch nach Gras, Blättern und einem winzigen bisschen Regen.

Bald sah Leni unter sich den Nachtwald.

Der Nachtwald war nicht dunkel und gruselig. Er war dunkel und freundlich. Die Bäume standen dicht beieinander und trugen silberne Mondränder auf ihren Blättern. Zwischen den Wurzeln leuchteten kleine Pilze wie winzige Nachtlämpchen. Eine Eule machte leise „Huhu“, aber so sanft, dass es fast wie ein Schlaflied klang.

Der Traumstern sank auf eine kleine Lichtung hinab.

Dort lag er.

Der Regenbogen.

Er war nicht hoch am Himmel, wie Regenbögen sonst oft sind. Er lag eingerollt auf dem weichen Moos, wie ein bunter Schal, der zu müde geworden war. Nur leider war er kaum noch bunt. Seine Streifen waren blass und grau. Ein wenig Rot schimmerte noch an einem Ende. Ein wenig Blau zitterte am anderen. Aber alles dazwischen sah aus, als hätte jemand die Farben ganz leise weggepustet.

Leni stieg aus der Sternenschaukel und ging vorsichtig näher.

„Hallo“, sagte sie. „Ich bin Leni.“

Der Regenbogen hob ein winziges Stück seinen Bogenkopf. Er hatte kleine, freundliche Augen aus Regentropfenlicht.

„Hallo, Leni“, flüsterte er. Seine Stimme klang wie Wasser, das über glatte Steine plätschert. „Ich bin so müde.“

„Warum bist du müde?“, fragte Luna und setzte sich neben ihn.

Der Regenbogen seufzte. Dabei kullerten drei kleine Glitzertröpfchen ins Moos.

„Ich habe heute vielen Kindern nach dem Regen gewunken“, sagte er. „Ich habe über Wiesen gestrahlt, über Pfützen gelächelt und über Dächer gebogen. Aber auf dem Weg nach Hause habe ich meine Farben im Nachtwind verloren. Jetzt finde ich sie nicht wieder.“

Pipo hüpfte auf einen Ast. „Farben können doch nicht einfach wegfliegen!“

Fina schnupperte an der Luft. „Doch“, sagte sie nachdenklich. „Manchmal verstecken sie sich, wenn sie sehr müde sind.“

Bruno setzte sich behutsam auf einen Baumstumpf. Der Baumstumpf knarrte nicht, denn er mochte Bruno. „Dann müssen wir die Farben wecken“, brummte er.

Leni sah den Regenbogen an. „Was brauchst du denn, damit deine Farben zurückkommen?“

Der Regenbogen überlegte. „Ich glaube, ich brauche liebe Gute-Nacht-Gaben. Jede Farbe wacht auf, wenn jemand ihr etwas Freundliches schenkt.“

„Dann fangen wir an“, sagte Leni.

Zuerst trat Luna vor. Der kleine Hase dachte an die Farbe Rot. Rot war warm wie ein Herz. Rot war fröhlich wie eine Erdbeere. Rot war gemütlich wie Lenis Wangen, wenn sie lachte.

Luna legte seine Pfoten an sein Hasenherz und sagte: „Ich schenke dir einen warmen Gute-Nacht-Wunsch. Mögest du dich geborgen fühlen, lieber Regenbogen.“

Aus Lunas Pfoten stieg ein weiches rotes Licht. Es war nicht grell. Es war sanft wie eine Kuscheldecke. Das Licht schwebte zum Regenbogen und kuschelte sich in den ersten Streifen.

Da wurde der rote Streifen wieder rot.

„Oh“, flüsterte der Regenbogen. „Das fühlt sich warm an.“

Leni klatschte leise in die Hände. „Eine Farbe ist zurück!“

Nun war Fina an der Reihe. Sie sah auf den nächsten blassen Streifen. „Orange“, sagte sie. „Orange ist wie mein Fuchsfell im Abendlicht.“

Fina legte ihren buschigen Schweif um den müden Regenbogen, ganz vorsichtig, damit sie ihn nicht kitzelte. „Ich schenke dir Mut für schöne Träume“, sagte sie. „Nicht lauten Mut. Nur kleinen, leisen Mut, damit du weißt: Du bist nicht allein.“

An der Spitze ihres Schweifs funkelte orangefarbenes Licht. Es tanzte wie ein kleiner Sternenfunke und sprang in den zweiten Streifen.

Da leuchtete Orange wieder auf.

Der Regenbogen atmete tief ein. „Das ist schön“, flüsterte er. „Jetzt bin ich schon ein bisschen weniger grau.“

Pipo flatterte aufgeregt mit den Flügeln. „Jetzt ich! Jetzt ich!“

Er hüpfte auf einen niedrigen Zweig und dachte an Gelb. Gelb war wie die Sonne, wenn sie morgens freundlich ins Zimmer schaut. Gelb war wie ein kleines Licht in der Nacht.

Pipo sang ein winziges Lied. Es war so leise, dass nur Leni, Luna, Fina, Bruno, der Traumstern, der Regenbogen und vielleicht drei Pilze es hören konnten.

„Schlaf schön, kleiner Bogen, träum hell und weich und fein. Morgen kommt die Sonne, dann darfst du wieder schein’n.“

Aus Pipos Schnabel stieg ein gelber Ton. Er sah aus wie ein goldener Faden. Der Faden schwebte zum Regenbogen und legte sich in den dritten Streifen.

Gelb erwachte.

Die Lichtung wurde ein wenig heller. Eine Maus schaute aus ihrem Loch und lächelte schläfrig.

„Danke, Pipo“, sagte der Regenbogen.

Pipo verbeugte sich. „Sehr gern.“

Dann ging Bruno langsam nach vorn. Bei jedem Schritt drückte er das Moos ein bisschen nach unten, aber das Moos richtete sich gleich wieder auf, denn es war Nachtwaldmoos und sehr geduldig.

„Grün“, brummte Bruno. „Grün ist der Wald. Grün ist Ruhe. Grün ist ein Platz, an dem man sicher schlafen kann.“

Er legte eine große Tatze neben den Regenbogen. Nicht auf ihn, nur daneben. Dann schloss Bruno die Augen und summte tief.

Mmmm.

Das Summen vibrierte durch den Boden. Die Blätter über ihnen raschelten leise dazu. Die Grashalme wiegten sich. Sogar die kleine Eule machte kurz die Augen zu.

Aus dem Moos stieg grünes Licht auf. Es roch nach Blättern, Regen und einem gemütlichen Versteck. Das Licht floss in den vierten Streifen.

Grün kam zurück.

Der Regenbogen streckte sich ein kleines Stück. „Jetzt fühle ich mich wie in einem weichen Nest“, sagte er.

Leni kniete sich neben ihren Traumstern. „Jetzt fehlt noch Blau“, sagte sie. „Und vielleicht Lila.“

Der Traumstern funkelte zustimmend.

Leni nahm ihn in beide Hände. Sie dachte an Blau. Blau war der Abendhimmel. Blau war Ruhe. Blau war das Gefühl, wenn man ganz langsam die Augen schließt und weiß: Alles ist gut.

„Ich schenke dir meine leise Traumruhe“, flüsterte Leni. „Damit du schlafen kannst, ohne deine Farben zu verlieren.“

Der Traumstern leuchtete hellblau. Ein sanfter Schimmer floss aus ihm heraus, kreiste einmal um Leni herum und glitt dann zum Regenbogen.

Der blaue Streifen wurde wieder blau. So blau wie eine friedliche Nacht.

Jetzt fehlte nur noch der letzte Streifen. Er war fast durchsichtig.

„Lila“, sagte Fina leise.

„Lila ist schwer“, piepste Pipo. „Lila ist geheimnisvoll.“

„Lila ist wie ein Traum kurz vor dem Einschlafen“, sagte Luna.

Der Regenbogen sah Leni und ihre Freunde an. „Für Lila braucht es etwas von euch allen zusammen“, flüsterte er.

Da rückten alle näher.

Luna mit seinen weichen Ohren.

Fina mit ihrem funkelnden Schweif.

Pipo mit seinen kleinen Flügeln.

Bruno mit seiner warmen Bärenruhe.

Leni mit ihrem Traumstern.

Sie bildeten keinen Kreis wie bei einem Spiel. Sie setzten sich einfach gemütlich nebeneinander, so wie Freunde sich setzen, wenn jemand ein bisschen Trost braucht.

Leni legte den Traumstern auf das Moos. Er leuchtete in der Mitte zwischen ihnen.

„Wir schenken dir Freundschaft“, sagte Leni.

„Und ein weiches Ohr zum Zuhören“, flüsterte Luna.

„Und einen mutigen Fuchsgedanken“, sagte Fina.

„Und ein Lied, falls die Nacht zu still wird“, piepste Pipo.

„Und eine große Bärenumarmung, aber nur, wenn du eine möchtest“, brummte Bruno.

Der Regenbogen lächelte. „Die möchte ich.“

Bruno beugte sich vorsichtig vor und umarmte nicht fest, sondern ganz sacht die Luft um den Regenbogen herum. Luna kuschelte sich daneben. Fina legte ihren Schweif wie eine Decke über ein Stück Moos. Pipo flatterte einmal über den Traumstern, und Leni streichelte den Stern mit einem Finger.

Da stieg ein lila Licht auf.

Es war zart wie ein Traum. Es glitzerte wie Abendzauber. Es duftete ein bisschen nach Lavendel und warmer Milch.

Das lila Licht schwebte in den letzten Streifen.

Und plötzlich war der Regenbogen wieder ganz bunt.

Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Lila leuchteten sanft in der Nacht. Nicht hell wie am Tag, sondern leise und schläfrig. Ein Nachtregenbogen.

Alle Tiere des Waldes kamen ein kleines Stück näher. Die Maus. Die Eule. Zwei Igel. Ein Reh mit müden Augen. Sogar ein Frosch setzte sich auf einen Stein und quakte nur ganz leise: „Quak.“

Der Regenbogen hob sich langsam vom Moos. Er spannte sich über die Lichtung, von einer alten Eiche bis zu einem weichen Farnhügel. Seine Farben fielen wie sanfte Decken auf den Wald.

„Danke“, sagte er. „Jetzt kann ich nach Hause gehen.“

„Wo ist denn dein Zuhause?“, fragte Leni.

Der Regenbogen zeigte mit seinem roten Ende nach oben. „Zwischen den Regentropfen und den Sonnenstrahlen. Aber nachts schlafe ich manchmal hinter dem Mond.“

Pipo staunte. „Hinter dem Mond? Da war ich noch nie.“

„Dort ist es sehr ruhig“, sagte der Regenbogen. „Und man hört die Träume der Kinder vorbeifliegen.“

Leni gähnte. Erst nur ein kleines bisschen. Dann etwas größer.

Luna gähnte auch. Weil Gähnen ansteckend ist, gähnte Pipo gleich hinterher. Fina versuchte, nicht zu gähnen, aber dann musste sie doch. Bruno gähnte so groß, dass ein kleiner Stern fast hineingefallen wäre. Zum Glück flog er schnell wieder hinaus.

Der Traumstern blinkte sanft.

„Ich glaube, wir müssen zurück“, sagte Leni.

Der Regenbogen senkte seinen Bogen ein Stück, als würde er sich verbeugen. „Schlaf gut, Leni. Schlaf gut, Luna. Schlaf gut, Fina. Schlaf gut, Pipo. Schlaf gut, Bruno.“

„Schlaf gut, lieber Regenbogen“, sagten alle zusammen.

Dann stiegen sie wieder auf den Traumstern. Er wurde zu einer weichen Sternenschaukel und hob sich in die Luft. Unter ihnen leuchtete der Nachtwald. Der Regenbogen lag nun nicht mehr müde auf dem Moos. Er schwebte langsam nach oben, bunt und zufrieden.

Als Leni zurück in ihr Zimmer kam, war alles noch genauso ruhig wie vorher. Die Lampe leuchtete warm. Die Decke wartete weich. Das Fenster schloss sich fast von allein.

Luna stupste Leni mit der Nase an. „Du hast dem Regenbogen sehr geholfen.“

„Wir alle haben geholfen“, flüsterte Leni.

Fina nickte. „Jede Farbe brauchte etwas anderes.“

„Und Lila brauchte uns zusammen“, piepste Pipo.

Bruno lächelte müde. „Zusammen ist oft die schönste Farbe.“

Leni kuschelte sich wieder in ihr Bett. Der Traumstern wurde klein und rund und legte sich in ihre Hand. Er funkelte noch einmal in allen Regenbogenfarben.

Rot wie Wärme.

Orange wie Mut.

Gelb wie ein Lied.

Grün wie Ruhe.

Blau wie die Nacht.

Lila wie Freundschaft.

Leni schloss die Augen. In ihrem Traum sah sie den Nachtwald. Sie sah die kleinen Pilze leuchten. Sie hörte Pipos leises Lied. Sie spürte Brunos ruhiges Summen. Und hoch über allem spannte sich ein müder, glücklicher Regenbogen hinter den Mond.

Der Traumstern glitzerte ein letztes Mal.

Ganz sanft.

Ganz leise.

Und dann schlief Leni ein.

Schlaf gut, kleine Leni.

Schlaf gut, lieber Traumstern.

Schlaf gut, Luna, Fina, Pipo und Bruno.

Und wenn morgen nach dem Regen ein Regenbogen am Himmel steht, dann weißt du vielleicht: Er hat gut geschlafen und seine Farben wiedergefunden.

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